Die Menschenfarm - Kapitel 6

Leah:

Ich drücke mich gegen die Hauswand. Sie fühlt sich genauso rau an, wie ich sie mir in den vielen Nachmittagen vorgestellt habe. Die anderen Jäger verstecken sich in dem heckenähnlichen Gebüsch, das sich um drei Seiten des Hauses herumzieht wie ein Zaun.
Nur Fabio, Ricko und ich stehen mit klopfenden Herzen gut sichtbar auf dem gepflasterten Hof und warten. Fabio, weil er der Anführer ist und überall vorne mit dabei sein darf.
Ich, weil jemand Wache stehen muss und ich die schärfsten Augen und die besten Ohren habe. Wenn ein Auto vorbeifahren würde, könnte ich es als erstes hören. Und für den Fall, dass ein Zombie zur Toilette muss, muss irgendjemand das Haus im Blick behalten.
Und Ricko steht da, weil er stark ist.
Obwohl er jetzt seit fünf Minuten eine Räuberleiter für Thalia macht, die wirklich nicht wenig wiegt, keucht er nicht ein einziges Mal. Er wirkt nicht mal ungeduldig, eher gelangweilt.
Thalia ist die Technick-Expertin der Jäger. Sie kennt sich mit allem aus, was irgendwie mit den Naturwissenschaften zu tun hat. Von Sprengstoff und Schusswaffen bis hin zu Autos und Alarmanlagen.
Nur mit diesem Modell scheint sie Probleme zu haben. An Fabios nervösen Blicken erkenne ich, dass ihre geschickten Finger länger brauchen, als sein Zeitplan es vorsieht.
Thalias Blick hingegen ist starr auf das runde, weiße Teil gerichtet, das die Anlage sein muss und lässt keine Gefühle erkennen. Sie muss mit den Armen durch das gekippte Fenster über der Haustür greifen, um an das Teil heranzukommen. Es ist bestimmt anstrengend, das Werkzeug so lange oben zu halten und in dem wenigen Licht mit Schraubenzieher und Drahtmesser zu hantieren. Aber auch sie zeigt kein Zeichen von Beschwerde oder Erschöpfung.
Ich tausche einen frustrierten Blick mit Fabio. Er bedeutet mir mit einer Geste, meine Aufgabe zu machen.
Ich verdrehe die Augen, wende mich dann aber wieder Straße und Haus zu.
Natürlich gibt es kein Anzeichen auf Autos oder Licht im Haus. In den anderen Nächten ist hier schließlich auch nie etwas passiert.
Doch plötzlich höre ich ein Krachen. Mein Blick zuckt zum Haus. Instinktiv ducken wir uns alle.
“Fertig”, erklärt Thalia entschuldigend. “Gab keinen anderen Weg, sorry.”
Ich atme erleichtert aus. Achso. Das war die Alarmanlage.
Das Schloss zu knacken dauert nicht halb so lange. Sie braucht nur etwa eine Minute, bis sie die Türklinke herunterdrückt. Die Tür lässt sich problemlos öffnen.
Thalia stößt sie auf und tritt einen Schritt zurück. Einen Moment warten wir angespannt.
Aber nichts passiert. In der unschuldigen Nachtstille ist nur unser gemeinsames Aufatmen zu hören.
Fabio hebt die Hand  und winkt. Die Jäger schleichen sich aus ihrem Versteck.
Er übernimmt wie immer die Führung. Die Gruppe folgt ihm in das Haus hinein. Ich gehe diesmal ganz hinten.

Ab jetzt zögern wir keinen einzigen Moment mehr. Wir alle kennen den Plan. Entschlossen und eilig gehen wir dieselben Schritte, die wir im Kopf schon so oft gegangen sind.
Fabio übernimmt den Teil der Gruppe, die sich in den Keller schleicht. 13 Leute werden unter seinem Kommando in der eingeplanten halben Stunde so viele Vorräte, Medikamente und Unterlagen einstecken wie möglich.
Bleiben 15 Jäger für die Ermordung der drei Zombies.
Es führt kein Weg daran vorbei, sie umzubringen, das haben wir oft genug ausdiskutiert. Das Risiko für das Lager wäre sonst einfach zu groß.
Im Flur teilen wir uns in drei Gruppen auf. Eine nimmt sich den im Erdgeschoss schlafenden Zombie vor. Ricko wird sie führen.
Die, die den zweiten Zombie zur Strecke bringen soll, trennt sich mit Imagus an der Spitze im ersten Stock von uns.
Dann bleiben mir noch vier Jäger für den letzten Bruder übrig.
“Die Treppe könnte knarzen”, warne ich sie leise. Mit vorsichtigen Schritten folgen sie mir in den dritten Stock hinauf.
Ich habe diesen Hausgang schon so oft durch das Fernglas beobachtet, dass es mir vorkommt, als wäre ich schon mal hier gewesen. Der braune Holzboden, die weißen Fließen an der Wand und das unpassende alte Gemälde mit den lachenden Menschenkindern sind mir so vertraut, als würde ich selbst hier wohnen. Nur die verdorrte Zimmerpflanze im Eck entdecke ich zum ersten Mal.
Das zweite Zimmer auf der linken Seite ist das Schlafzimmer. In ihm ist das Licht immer als Letztes ausgegangen.
Die Hand schon halb auf der Klinke, drücke ich mein Ohr gegen die Tür. Stille.
Ich drücke den Griff nach unten. Glücklicherweise ist sie gut geölt.
Meine Augen haben sich längst an die Dunkelheit gewöhnt. Trotzdem brauche ich ein paar Sekunden, bis ich das fette Bündel auf dem Bett an der gegenüberliegenden Wand als unser Zielobjekt erkenne.
Seine Augen sind zu.
Erleichtert bedeute ich meinen Kameraden, hereinzukommen, als ich plötzlich einen lauten Schrei höre.
Klingt wie ein verwundeter Zombie.

In Gedanken stöhne ich. Diese Idioten! Sie hätten noch nicht anfangen dürfen!
Ich ziehe zwei meiner Messer. Wachsam betrachte ich den Zombie.
Seine Augen zucken. Verdammt!
Es hat keinen Sinn mehr, sich an den Plan zu halten. Jetzt gilt es, schnell zu sein. Wenn wir angreifen, bevor er richtig wach ist...
“Auf ihn!”, flüstere ich. Mit wenigen Schritten bin ich beim Bett.
Der Zombie springt auf. Er ist flinker, als er mit dem Gewicht und seinen zwei Metern eigentlich sein dürfte.
Ich ducke mich unter seiner Faust weg.
Auf einmal komme ich mir lächerlich winzig vor. Ich komme nicht mal richtig an seinen Hals heran, ohne zu viel von meiner Deckung aufzugeben.
Mein Blick fällt auf das Bett. Ich wirble um ihn herum. Versetze ihm einen Tritt gegen das Bein. Er schlägt wieder nach mir.
Ich springe auf das Bett. Ramme ihm mein Messer in den Arm, bevor er sich umdrehen kann.
Wütend schreit er auf. Seine blassen Augen sprühen vor Zorn. Er schafft es, meine Arme zu packen und mich fest gegen die Wand zu pressen. Mein Kopf wird dabei mit voller Wucht nach hinten geschleudert.
Ich schreie ebenfalls auf. Mein Kopf dröhnt. Mir wird schwindelig vor Schmerz. Die Funken tanzen vor meinen Augen.
Ich beiße die Zähne zusammen und trete ihm zwischen die Beine. Er bemerkt es nicht mal.
Ich kann seinen abartig süßen Pfefferminz-Atem riechen, als sich sein Mund meinem Hals nähert.
Oh nein. Ich nehme all meine Kraft zusammen und schlage mit meinem Kopf gegen seine Stirn. Er taumelt eine Sekunde lang. Doch sein Griff bleibt so verdammt fest. Er ist hundertmal stärker als ich.
Seine Zähne kommen mir immer näher. Gleich wird er mir die Kehle durchbeißen. Ich erschaudere. Verzweifelt brülle ich auf. Versuche, meinerseits nach ihm zu schnappen. Es gelingt mir tatsächlich, meine Zähne in seine große Nase zu schlagen.
Einen Moment lang bin ich erstaunt, wie tief sie in sein Fleisch eindringen. Er schreit wieder auf. Aber der Druck lässt immer noch nicht nach. Auch nicht, als ich ihm mein Knie ins Gesicht ramme.
Verzweifelt schließe die Augen. Gegen seine Kraft kann ich nichts ausrichten.

Aber dann lockert sich der Griff plötzlich.
Ohne nachzudenken werfe ich mich gegen ihn. Ich befreie meine rechte Hand. Schlage mit der Faust fest in sein Gesicht.
Er stolpert und kippt nach hinten um.
Überrascht von der Stärke meines Schlages blicke ich zu ihm hinunter.
Die metallerne Spitze eine Pfeils ragt aus seiner Brust.
Ich stütze mich einen Moment an der Wand ab, bis der Schwindel nachlässt.
Dann nicke ich der Bogenschützin dankbar zu. Es ist die junge Jägerin mit den schwarzen, kurzen Haaren und der Narbe.
Schweigend eilen wir die Treppe nach unten.
Wie besprochen laufen die Schwarzhaarige und ich zum Schlafzimmer des zweiten Stocks, während der Rest meines Teams den Jägern im ersten Stock zur Hilfe eilt.

Es sieht nicht gut aus für Imagus' Team, das sehe ich auf den ersten Blick. Er selbst liegt scheinbar ohnmächtig in der Ecke. Als hätte ihn der Zombie einfach da hingeschmissen.
Auch die Anderen stehen nicht mehr auf ihren Beinen.
Bis auf einen glatzköpfigen Mann, der fast genauso groß ist, wie der Zombie selbst. Er liefert sich einen erbitterten Ringkampf. Doch er hat keine Waffen und sein Gegner ist um einiges stärker.
Die Schwarzhaarige und ich sehen uns kurz an. Ich lege den Finger auf die Lippen. Sie spannt ihren Bogen und fasst in den Köcher auf ihrem Rücken. Aber ich komme ihr zuvor. Mein Wurfmesser sirrt durch die Luft, noch bevor sie den ersten Pfeil zwischen die Finger bekommt. Es bleibt ebenso sauber in der Brust des Zombies stecken, wie ihr Pfeil.
“Lauf du mit Glatzkopf ins Erdgeschoss, ich kümmere mich um die Verwundeten”, befehle ich knapp. Sie nickt und rennt los.
Ich warte, bis Glatzkopf ebenfalls weg ist. Dann gehe ich zu Imagus hinüber.
Er hat eine fette Platzwunde am Kopf. Stöhnend ziehe ich erst meine Jacke, dann das T-Shirt aus und wickle es ihm um den Kopf. Das sieht gar nicht gut aus.
“Wach auf!”, flehe ich verzweifelt. “Wach auf, du Idiot, bevor sie kommen! Wir müssen hier weg!”
Als er kein Lebenszeichen zeigt, gehe ich zu den anderen Teamitgliedern hinüber.
Sie kommen offensichtlich gerade zur Besinnung. Wenigstens scheinen sie nicht allzu schlimm verletzt zu sein.
“Könnt ihr aufstehen?”, frage ich. Sie nicken. Erleichtert helfe ich ihnen nacheinander hoch. In der Dunkelheit kann ich ihre Gesichter nicht erkennen, aber sie geben keinen Laut von sich, also können sie keine zu großen Schmerzen haben.
“Geht nach unten zu den Anderen. Wir müssen so schnell wie möglich abhauen.”
Ich wende mich wieder von ihnen ab und beachte sie nicht mehr.
Imagus liegt noch immer bewusstlos da.
Ich habe keine Wahl. Wenn wir hier weg wollen, bevor der Sicherheitsdienst kommt, den die kaputte Alarmanlage längst auf den Plan gerufen haben dürfte, muss ich ihn tragen.
Ich gehe nicht gerade sanft mit ihm um, als ich seinen schlaffen Körper vor Anstrengung und Müdigkeit keuchend über meine Schultern werfe. Aber mir bleibt jetzt keine Zeit, die Samthandschuhe anzuziehen. Die halbe Stunde ist längst vorüber.
Der Adrenalinstoß, den der Kampf in mir ausgelöst hat, hat nachgelassen. Jetzt fühle ich mich nur noch erschöpft.
Viel zu langsam erreiche ich die Treppe. Ich höre Stimmen. Die Anderen verlassen bereits das Haus.
Ich schleppe mich die Stufen hinunter, obwohl ich viel lieber rennen will. Jeder Schritt kostet mich alle Kraft, die ich aufbringen kann.
Nur noch zehn Stufen, denke ich. Noch fünf. Noch drei. Noch eine Stufe. Nur noch den Flur entlang... zur Tür...
Endlich bin ich draußen.
Die Jäger haben schon die andere Straßenseite erreicht. Sie flüchten sich in die schützende Deckung des Waldes, ohne auf uns zu warten.
Dann höre ich auch, wovor sie fliehen.
Autos.
Auf einen Schlag bin ich wieder wach. Ich nehme das letzte bisschen Energie zusammen und stolpere zum Gebüsch.
Dort gebe ich mir drei Sekunden, um mich auszuruhen.
Drei.
Ich wische mir den Schweiß von der Stirn.
Zwei.
Ich bestaste meinen pochenden Hinterkopf.
Eins.
Ich betrachte meine blutigen Finger. Sie verschwimmen vor meinen Augen.
Null.

Mit einem weiteren leisen Stöhnen stehe ich auf. Hieve Imagus auf meinen Rücken, schlinge seine Beine um meine Taille und seine Arme um meinen Hals. Wenn ich etwas nach vorne gebeugt laufe, dürfte er nicht herunterfallen.
Hinter den Gebüschen auf der Rückseite des Hauses liegen verwilderte Maisfelder aus der alten Zeit. Zwischen den meterhohen Pflanzen dürften wir schwerer zu finden sein. Und hinter den Maisfeldern wuchert ein weiterer Wald. Wenn ich es nur dorthin schaffe bevor sie uns entdecken, kann ich vielleicht einen halbwegs sicheren Unterschlupf finden.
Ich renne los.
Und keine Sekunden zu spät. Kaum bin ich den ersten Schritt in das Feld hineingestolpert, höre ich Autotüren, die unsanft zugeschlagen werden.
 

24.6.15 15:53, kommentieren

Werbung


Die Menschenfarm - Kapitel 5

N1254:

Wie gestern wage ich es aus irgendeinem Grund nicht, die Tablette zu nehmen. Ich betrachte sie eine Weile, dann sehe ich mich kurz um, ob mich jemand beobachtet. Aber alle schlafen schon.
Mit meiner ganzen Kraft schleudere ich die kleine Pille so weit von mir weg wie möglich. Als sei sie irgendwie gefährlich oder verboten.

So ist es auch die nächsten Tage. Ich traue mich nicht mehr, die Tablette zu schlucken. Einige Male versuche ich es. Doch schon der Gedanke daran, mich in unstörbaren Schlaf fallen zu lassen, lässt mich erschaudern.
Immer noch kann ich mir nicht erklären, warum.

Etwa 30 Arbeitstage später, als ich mich an all die Veränderungen schon fast gewöhnt habe, kann ich eines Nachts nur sehr schwer einschlafen. Noch schwerer als sonst, meine ich.
Es war ein harter Tag. Hunderte Babys zogen in weniger als einer Sekunde Abstand an mir vorbei. Über 20 Bänder falsch befestigte Bänder musste ich unter den strengen Augen des Aufesehers entfernen und austauschen.
Eigentlich hätte ich jeden Grund, todmüde zu sein.
Stattdessen liege ich stundenlang wach da. Und als ich dann einschlafe, ist es ein unruhiger Schlaf. Er wird von Bilder gestört, die an meinem inneren Auge vorbeiziehen und die sich zu einer Art Film zusammenfügen. Doch nichts in diesem Film ergibt wirklich Sinn.
Mitten in der Nacht erwache ich plötzlich.
Ich habe Schritte gehört. Oder habe ich mir das nur eingebildet? Blinzelnd setze ich mich auf. Durch die Schlitze zwischen Tür und Rahmen dringt Licht.
Ich erstarre. Wer ist das? Die Zombies verlassen nachts das Gebäude immer und die Menschen schlafen wegen der Tabletten bis zum Morgen ununterbrochen durch.
Oder? Sind vielleicht noch andere auf die Idee gekommen, sie einmal nicht zu schlucken? Eigentlich wäre es schon komisch, wenn das vor mir noch nie jemand ausprobiert hätte.
Andererseits – warum sollte man so etwas auch tun?

Ich weiß selbst nicht, warum ich nicht einfach still liegen bleibe und abwarte.
Aus Neugier, um aus meinem nass geschwitzten Bett wegzukommen, um mich von den Bildern abzulenken, und von all dem, was geschehen ist?
Oder einfach nur, weil mein Verstand noch schläft und der abenteuerlustige Rest von mir freie Bahn hat? Keine Ahnung.
Ich klettere so leise wie möglich die Leiter des zwanzigstöckigen Hochbettes hinunter, an den anderen Mädchen vorbei. Schleiche zur Tür und öffne sie. Der Flur ist leer, aber eine der Türen auf der rechten Seite steht offen. Aus ihr kommt auch das Licht. Es ist die Kantinen-Tür.
Auf einmal bekomme ich Angst und will mich wieder in mein Bett zurückschleichen – doch jemand tritt aus dem Zimmer, schließt die Tür hinter sich und dreht sich um.
Sieht mir direkt ins Gesicht.
Wir erstarren Beide. Bewegungslos stehen wir da.
Es ist ein Mensch. Oder zumindest ist es kein Zombie. Die fremde Person ist ungefähr so groß wie ich. Sie hat braune Haare, die so kurz geschnitten sind wie die der Zombies.
Aus braunen Augen starrt sie michüberrascht an. Ihr Körper ist seltsam flach und schmal. Es ist keine Ausgewachsene, aber sie sieht auch nicht aus, wie eines der Farmmädchen.In den dünnen Armen hält sie je fünf Wasserbehälter, fest an sich gepresst.
Ich wage es nicht, davonzulaufen. Oder sonst etwas zu tun. Ich stehe nur still da.
"Hallo", bringt sie schließlich hervor. Sie hat eine tiefe, raue Stimme.
"Hallo", erwidere ich, weil ich nicht weiß, was ich sonst sagen soll.
Eine Weile mustern wir uns, halb neugierig, halb ängstlich.
"Du hast die Tablette nicht genommen", stellt das Mädchen fest. Ich zucke zusammen.
"Warum?", will es wissen.
"Warum nimmst du Wasserbehälter mit?"
Ich muss mich ein paar mal räuspern, bevor es mir gelingt, die Worte über meine Lippen zu zerren. Meine Kehle ist furchtbar trocken.
Was sind das für Kratzer auf den Armen des seltsamen Mädchens? Warum sind da Löcher in seiner Kleidung? Und es ist ganz schmutzig. Wie nach einem Tag im Maschinenraum. Nur ohne den Staub.
Es reckt das Kinn vor. "Ich stehle alle drei Wochen welche."
"Du stiehlst sie?" Was meint sie damit?
"Ich stehle sie aus eurer Kantine. Zumindest im Sommer, wenn der Bach draußen im Wald ausgetrocknet ist. Wieso, hast du ein Problem damit? Ihr habt ja genug davon. Hast du die Vorräte mal gesehen? Mindestens hunderttausend Flaschen."
Weil ich nicht wieder nicht weiß, wie ich darauf antworten soll, schüttle ich nur den Kopf.
"Wer bist du?", frage ich, "Und woher weißt du, wann der Bach ausgetrocknet ist?"
Ich habe seit meiner letzten Unterrichtstunde vor neun Jahren keinen Blick mehr auf den Bach geworfen. Das Fenster des Klassenzimmers ist der einzige Ort, von dem aus man ihn zwischen den Bäumen sehen kann. Und sie sieht nicht aus, als hätte sie noch Unterricht.
Sie sieht mich kopfschüttelnd an; als sei ich die Merkwürdige von uns Beiden.
"Weil ich mein Schlaflager neben ihm habe und im Winter, Herbst und Frühling aus im trinke, vielleicht?"
"Du hast dein Schlaflager neben dem Fluss?!"
"Ja. Ich wohne im Wald."
"Du wohnst im Wald?!"
Sie verdreht die Augen nach oben, was irgendwie so aussieht, als sei sie genervt.
"Genau."Sie klingt auch irgendwie ungeduldig.
"Aber... Warum?!" Und wie kann sie da schlafen? Gibt es da Betten?
"Lange Geschichte. Wenn du dich hinsetzt, dann erzähle ich sie dir", schlägt sie vor.
Ich bin so verwirrt, dass ich das tatsächlich mache. Sie setzt sich mir gegenüber auf den Boden.
Das hier ist die längste Unterhaltung, die ich seit dem Ende des Schulunterricht geführt habe.
"Also... Ich bin ein Junge", eröffnete sie zögerlich.
Oder er.
"Oh", sage ich. Das erklärt einiges. Und wirft tausend weitere Fragen auf. Wie..?

Einmal, als ein Mädchen sich getraut hat, die Lehrerin zu fragen, wo die neuen Menschen herkommen, hat sie uns vieles über Jungen und Mädchen erklärt.
Unter anderem, dass Jungen nach der Entwicklungsphase einen anderen Körper bekommen als Mädchen. Und auch, dass sich die Zombies pro Generation einen Jungen halten, dem sie wenn er alt genug war, eine bestimmte Flüssigskeit abnehmen, die man braucht, um neue Menschen für die Zombies zu produzieren. Dannach töten sie ihn.
Aber von einem, der im Wald lebt, habe ich noch nie gehört.
"Ich bin im Geburtentrackt zufällig lebend durch den Gas-Bereich gekommen und unter die Mädchen geraten. Sie haben mich übersehen. Jahrelang bin ich mit allen anderen aufgewachsen. Erst bei meinem zweiten Test - der, den man mit sechs machen muss - haben sie geschnallt, dass ich anders bin.
Mit einem Jungen können sie hier natürlich nichts anfangen, weil Jungenfleisch den Zombies nicht schmeckt. Also haben sie angeordnet, mich in der Wildnis auszusetzen. Ich war ja erst sechs, da dachten sie, ich würde schon nicht überleben.
Sie haben diese Farm übrigens nur desshalb in diesem Wald gebaut, damit die Menschen, die ausreißen wollen, darin sterben."
Ich runzelte die Stirn. Wieso sollte jemand ausreißen wollen? Das wäre doch verrückt. Die Vorstellung, freiwillig in der Wildnis zu leben... Außerdem wäre davonlaufen eine riesige Schande!
"Und wie hast du überlebt?", frage ich neugierig. Die Geschichte fasziniert mich.
"Ich hatte Glück. Die ersten beiden Sommer und Winter waren sehr mild. Und es war ein geburtenreicher Jahrgang für die Kaninchen im Wald.
Ich hatte also erstmal zwei Jahre Zeit, herauszufinden wie man jagt, Tiere ausnimmt, sich einen Unterschlupf baut, Flusswasser trinkbar macht, essbare Beeren, Kräuter und Pilze sammelt, Feuer macht und überlebt, bevor es richtig wild wurde.
Dann kamen die harten Zeiten. Kälte, Krankheiten, Trockenheit und so. Aber ich kam immer besser zurecht, je länger ich dort draußen gelebt habe. Manchmal musste aus den Häusern der Zombies was zu Trinken oder Essen stehlen. Dabei hab' ich viel über sie erfahren und ein paar interessante Bücher gestohlen. Aber meistens konnte ich mich selber ernähren."
Ich versuche mir vorzustellen, wie es ist, im Wald zu schlafen und Tiere und Beeren zu essen. Aber es geht einfach nicht. Ich kenne nichts Anderes, als dieses Gebäude.
"Mann, es tut gut, mal wieder mit jemand anderem zu sprechen, als mit meinem Lieblingsbaum."
"Bäume können sprechen?", frage ich verblüfft. Mir sind sie immer so still vorgekommen. Ich wusste nicht mal, dass überhaupt lebendig sind.
Der Junge sieht mich mit einem resignierten Blick an.
"Nein, können sie nicht. Es war ja auch eher ein Monolog."

Wir schweigen ungefähr eine Minute.
"Du hast mir immer noch nicht gesagt, warum du die Schlaftabletten eigentlich nicht nimmst", stellt er dann neugierig fest.
"Ich weiß nicht, warum", antworte ich. Ich weiß es ja wirklich nicht.
"Machst du das schon immer?", fragt er weiter.
"Nein."
"Und seit wann nimmst du sie nicht mehr?"
"Seit ich meine neue Arbeitsstelle bekommen habe. Vorher habe ich im Maschinenraum gearbeitet."
"Und bist du jetzt?", will er etwas ungeduldig wissen.
"Im Vergasungsbereich."
Er schluckt. Seine Miene zeigt deutlichen Abscheu.
"Du meinst, dort, wo sie die Babys vernichten?" Seine Stimme klingt gepresst.
Ich muss an den Kleinen mit den braunen Augen denken und daran, wie er mich angesehen hat.
"Nur die männlichen."
"Und...magst du die Arbeit dort?", fragt er vorsichtig.
"Ob ich sie...mag?"
Verwirrt sehe ich ihn an.
"Naja, gefällt es dir, dort zu arbeiten?" Ich sehe ihn verblüfft an. So etwas fragt man nicht!
"Ich hätte mir denken können, dass dieses Wort nicht zu deinem Vokabular gehört", murmelt er. "Zu meinem würde es ja auch nicht gehören, wenn ich nicht so viele Bücher über die alte Zeit gelesen hätte.
Ich meine, ob du es gut findest, diese... Aufgabe zu erfüllen", erklärt er.
Darüber habe ich bis jetzt noch nie nachgedacht. Noch nie hat irgendjemand mich gefragt, ob mir etwas gefällt. Ob ich das, was ich mache, mag. Es hat ja auch nie eine Rolle gespielt, was wir denken. Wir müssen nur machen, was man uns sagt.
Aber wenn ich jetzt überlege, wie es mir geht, wenn ich am Laufband stehe, fällt mir sofort dieses seltsame Gefühl ein. Es ist kein gutes Gefühl, so viel ist mir klar. Eher ein Gefühl, als wenn man so lange Schicht gehabt hat, dass man vor Müdigkeit keine Luft mehr bekommt.
Und dann der eigenartige Drang, wegzulaufen. Die Vorstellung ihm zu folgen und tatsächlich mitten in der Schicht aus dem Raum zu rennen, ist immer noch so unglaublich absurd, dass ich schon wieder den Kopf schüttle.
"Nein. Ich finde es nicht gut."
"Wieso machst du es dann?", fragt er. Wieder sehe ich ihn verständnislos an.
"Weil es mir befohlen wurde."
Er nimmt einen Schluck Wasser aus einem der Behälter.
"Von euch ist also tatsächlich noch nie einer auf die Idee gekommen, nicht immer genau das zu tun, was man euch sagt, oder?"
"Was sollte man denn sonst machen als das, was man uns sagt?"
Er sieht zu Boden.
"Du könntest zum Beispiel einfach weglaufen. Es steht ja nicht mal jemand Wache hier. Du könntest abhauen und im Wald leben", murmelt er fast verlegen.
"Aber wieso denn?", frage ich entsetzt. Wieso sollte man freiwillig im Wald leben?
"Dort wärst du frei. Dort würdest du am Leben bleiben. Dort wären keine Zombies, die dich erst für sich schuften lassen und dich dann als Lohn auffressen."
Ich erschaudere. Er will, dass ich davonrenne. Vor meinem mir vorherbestimmten Schicksal einfach weglaufe. Nein. Das würde ich niemals tun.
"Aber der Wald ist gefährlich! Dort leben Tiere! Dort stirbt man!"
"Und hier leben Monster, die dich auffressen! Außerdem siehst du doch, dass man dort überleben kann; ich habe es immerhin jahrelang geschafft! Wenn man irgendwo mit Sicherheit stirbt, dann hier!"
"Nicht alle sterben. Manche dürfen hier arbeiten", widerspreche ich.
Und ich bin auf dem besten Weg, eine davon zu werden. Solange man mich nicht bei irgendwelchen verbotenen Sachen erwischt. Unruhig sehe ich mich um.
"Ja, aber die müssen ihr Leben damit verbringen, ihre eigenen Artgenossen zu ermorden. Draußen, da könntest du tun, was du tun willst."
Was ich tun will? Ich habe keine Ahnung, was ich tun wollen würde, wenn ich die Wahl hätte.
"Wenn einer weglaufen würde, würden sie es merken. Sie würden ihn fangen und dann..."
"Was dann?", unterbricht er mich. "Dann würden sie dich töten? Genau das, was sie letztendlich sowieso machen würden. Wenn du abhauen würdest, würdest du wenigstens versuchen, sich ihnen zu widersetzen und am Leben zu bleiben. Man sollte doch wenigstens kämpfen, bevor man sich umbringen lässt! Alles ist besser, als sich einfach still zu ergeben. Man würde damit immerhin zeigen, dass man mehr ist als nur leckeres Fleisch! Dass man ein Mensch ist und kein toter Stein ohne Willen!"
Darüber denke ich eine Weile nach.
Stein ohne Willen. Sich widersetzen. Sich nicht einfach still ergeben. Kämpfen. Zeigen, dass man mehr ist. Die Gedanken drehen sich in meinem Kopf wie das große, schwarze Loch am Boden der Tonne. Bis sie mich verschlingen.
Und wieder blicke ich in riesige, braune Augen.
"Aber dann würde man vor seinem Schicksal weglaufen. Und das ist eine Schande", erwidere ich leise. Als fiele es mir schwer, zuzugeben, dass das der eigentliche Grund ist, warum im Wald zu leben für mich nicht in Frage kommt: Dass ich kein Feigling sein will.
Er lacht laut auf. Aber es ist kein fröhliches Kinderlachen. Es klingt eher bitter.
"Wer sagt, dass es dein Schicksal ist?", entgegnet er wütend. "Dieselben Monster, die dich verspeisen wollen? Und das glaubt ihr ihnen einfach so? Lasst ihr euch deshalb widerstandslos hier einsperren? Weil sie euch gesagt haben, dass es eure Bestimmung ist?" Ich nicke verlegen.
"Aber was, wenn das überhaupt nicht deine Bestimmung ist? Wenn die Zombies euch das nur eingeredet haben, damit ihr hier brav macht, was sie euch sagen?"
"Die Zombies haben die Menschen erschaffen", widerspreche ich. "Es ist unser Lebenszweck, ihnen zu dienen. Davor darf man nicht weglaufen. Wir müssen unsere Schuld begleichen."
Wieder lacht er auf.
"Die Zombies haben die Menschen nicht erschaffen. Im Gegenteil: Die Menschen haben die Zombies geschaffen. Sie sind nichts weiter, als ein Unfall der Wissenschaft. Der menschlichen Wissenschaft."
Ich starre ihn verblüfft an. Nein. Das kann nicht sein. Das hat er sich ausgedacht, um mich zu überzeugen.
"Glaub mir, ich habe die Geschichtsbücher der Zombies studiert. Der erste Zombie wurde geboren, als ein Mensch beim Herumexperimentieren mit Genen zu weit gegangen ist. Aber niemand von denen ist je auf die Idee gekommen, uns zu dienen. Anstatt so etwas wie Dankbarkeit gegenüber ihren Schöpfern zu zeigen, haben sie uns fast ausgerottet. Und jetzt züchten sie uns als ihre Nahrung und erzählen euch Lügen, damit ihr da auch noch mitspielt.
Überleg' doch mal. Welche Beweise gibt es denn dafür, dass sie recht haben? Ist eine Geschichte, die man dir mal erzählt hat Grund genug, dich aufessen zu lassen? Ist eine Lüge genug, hilflose Babys zu ermorden? Bist du wirklich so dumm, ihnen das alles einfach so abzunehmen?
Bitte denk' wenigstens darüber nach. Falls du das überhaupt noch kannst, nachdem sie anscheinend alles dafür getan haben, dass ihr das Denken vollkommen verlernt.
Ich muss jetzt gehen, bevor einer von ihnen noch hier auftaucht."

20.6.15 15:11, kommentieren