Die Menschenfarm - Kapitel 4

Leah:

“Iss”, befiehlt Fabio und hält mir ein mit Fleischpaste bestrichenes Brot hin. Ich verziehe das Gesicht und nehme es widerwillig entgegen. Ich brauche die Stärkung. Aber der Gedanke, jetzt auch nur einen Bissen zu essen...
Mir ist schlecht vor Aufregung. Ich schaffe es nicht, länger als zwei Sekunden stillzusitzen. Stattdessen gehe ich pausenlos im Waffenzelt auf und ab.
Das Waffenzelt ist eine Art Treffpunkt für uns Jäger. Hier halten wir uns auf, wenn wir Mittagspause haben, Schatten oder Ruhe brauchen oder etwas bereden wollen, von dem die Wächter und die Arbeiter nichts verstehen. Hier finden alle nicht ganz so offiziellen Besprechungen statt, hier treffen sich die Jagdteams, bevor sie gemeinsam losziehen.
Aber so voll wie heute ist es nur sehr selten. Normalerweise ist immer mindestens ein Team auf Jagd oder auf Kundschaftszug.
Selbst in der Nacht sind nie alle Jäger gleichzeitig im Lager.
Die Tatsache, dass jeder einzelne der 29 sich jetzt zwischen die im kalten Nachtwind bebenden Zeltwände drängt und man noch dazu noch nicht mal ein Flüstern hören kann (normalerweise machen wir den Lärm von etwa hundert fahrenden Autos, wenn wir zusammenkommen), führt mir noch einmal die Wichtigkeit dieser Mission vor Augen. Und die Gefahr, die dort draußen auf uns wartet.

Auch der Rest des Lagers schläft heute Nacht nicht.
Den ganzen Tag waren die Arbeiter damit beschäftigt, dass Lager aufbruchsbereit zu machen. Die meisten Zelte sind zusammengerollt auf den Rücken der paar Pferde befestigt, die wir noch besitzen. Die Wächter haben währenddessen stundenlang die besten Verteidigungsstrategien ausdiskutiert. Und alles nur für den Fall, dass unser Auftrag nach hinten losgehen sollte und uns die Zombies bis hierher folgen sollten.
Meiner Meinung nach war das eine unrealistische Befürchtung. Aber wer hier aufwächst, saugt Vorsicht und Angst mit der Muttermilch ein.
Bissen für Bissen zwinge ich mich, das Brot hinunterzuschlingen.
Tief durchatmen. Das Glück ist auf unserer Seite. Alle Strategien sind tausendmal besprochen worden. Wir sind 29 vom Leben bestens ausgebildete Jäger. Gegen drei schlafende, kampfunerfahrende Zombies. Wir wissen genau, was wir machen müssen. Jeder Schritt ist bis ins kleinste Detail geplant worden. Wir haben den Überraschungsmoment auf unserer Seite. Alles, was passieren könnte, ist, dass wir nicht schnell genug sind. Und niemand ist schneller als wir.
Die anderen Jäger sitzen oder stehen schweigend herum. Die meisten haben eine Hand bereits auf ihre Waffe gelegt und sitzen so angespannt da, als müssten sie jeden Moment aufspringen. Manche haben die Hände auch gefaltet und beten. Einige, weil sie wirklich an einen Gott glauben. Andere, weil es sie beruhigt.
Liegt es am weißen Mondlicht, dass ihre Gesichter so blass sind? Die nervöse Stille bedrückt mich. Eine Stimmung wie auf dem Grabhügel.
Ich betrachte meine Fingernägel. Kurz und dreckig, wie immer. Mein Blick zuckt zu Fabio hinüber. Er ist in Gedanken versunken und macht nicht die geringsten Anstalten, endlich einen Befehl zu geben. Ungeduldig zeiche ich mit dem Fuß Zackenlinien auf den leicht sandigen Boden.
Schließlich halte ich es nicht mehr aus.
“Stürmen wir ihre Festung!”, schreie ich in die Stille hinein. “Auf in den Kampf! Nieder mit den Menschenfressern!”
Langsam heben sich die Blicke der Jäger. Ein paar sind verärgert. Aber in manchen Augen kann ich beobachten, wie ein Funke aufglimmt. Ein Funke Kampfeslust.
Ricko und Imagus grinsen mir zu.
“Nieder mit ihnen!”, brüllt ein rothaariger Junge zustimmend.
“Brechen wir auf!”
“Wir machen sie fertig!”
“Auf in den Kampf!”, ertönen weitere Rufe.

Aber es ist Imagus, der die Gruppe schließlich wachrüttelt. Er stimmt ein altes Kampflied an:

“Wenn das letzte Tageslicht in Dämmerung vergeht,
Am Horizont verblutet, so rot wie unsre Wut,
Dann ziehen wir, dann schreiten wir, wie sich der Wind auch dreht,
Wie kalt die Nacht auch wird, denn in uns wärmt die Glut.”

Bei der zweiten Strophe steigen Ricko und ich in den Gesang mit ein. Wir haben das Lied auf unseren Jagdzügen schon öfter gesungen und kennen es in- und auswendig.

“Der Funke ist gezündet, zum Feuer schlägts der Stein,
Der Schlag für Schlag im Takte - gegen unsre Herzen -
Den Rachedurst entfacht, im Rachen brennts wie Wein,
So leuchten wir zur Schattenzeit wie hunderttausend Kerzen.”

Jetzt singen fast alle mit. Na gut, die meisten schreien eher. Wir hören uns an wie wütendes Donnergrollen.

“Und welcher Feind auch kommen mag, soll unsre Klingen zieren,
Mit Blut und Herz und Eisenerz, soll spüren unsre Flammen,
Das Grauen schwärzt ein dichter Rauch, im Sieg und im Verlieren,
Doch stehn wir bis zum Morgenlicht treu und brav zusammen.”

Vereinzelt höre ich sogar Leute außerhalb des Zeltes mitgrölen.
Eine Jägerin mit kurzen, schwarzen Haaren springt auf. “Keine Zeit mehr zu verlieren!”, ruft sie. Die anderen folgen ihr. Zusammen verlassen wir das Zelt. Die Traube aus Arbeitern, die sich davor versammelt haben, bildet eine Gasse, um uns durchzulassen. Manche ziehen sogar ihren Hut vor uns. Andere sehen uns ängstlich oder bewundernd hinterher.
Besonderes für die Kinder sind wir sowas wie Helden, die gegen die bösen Zombies in den Kampf auf Leben und Tod ziehen, um die toten Menschen des Lagers zu rächen und die aus den Farmen zu befreien. Dass es eigentlich ein genau durchgeplanter Überfall ist, bei dem wir unsere Feinde im Schlaf überraschen, sie hinterhältig niederstechen und ausrauben, muss man ihnen ja nicht auf die Nase binden.
Nicht, bevor sie selbst kapiert haben, dass das Leben hier keine Lagerfeuerlegende ist, sondern ein ununterbrochenes Fliehen vor dem Tod.

Erst im stillen, düsteren Wald schwindet die Kampfstimmung und die kalte Angst schleicht sich wieder in unsere Herzen zurück. Wir bleiben dicht zusammen. Fabio geht jetzt an der Spitze der Truppe. Trittsicher führt er uns zwischen Bäumen, Felsen und Gestrüpp den Hang hinunter. Direkt hinter ihm gehe ich, Ricko und Imagus an meiner Seite. In der Dunkelheit spüre und höre ich mehr von ihnen, als ich sehe. Es ist Herbst; das Laub auf dem Boden raschelt so laut, dass man uns bestimmt auch noch Kilometer von hier laufen hören kann.
Aber fast noch mehr Lärm macht der Wind, der über uns durch die Baumwipfel braust. Es sieht aus, als krümmten sich die Bäume unter den Schlägen einer unsichtbaren Peitsche.
Mich fröstelt. Der Schrei einer Eule lässt mich zusammenzucken. Ich taste nach dem Griff eines meiner Messers und umklammere ihn fest. Insgesamt habe ich vier davon  dabei, zwei lange dolchähnliche und zwei kurze Wurfmesser.
Einenthalb Stunden gehen, laufen und stolpern wir durch den Wald. Als sich er sich endlich zu lichten beginnt, ist Mitternacht längst vorüber. Uns bleiben noch etwa vier Stunden bis zum ersten Licht. Das ist Zeit genug. Aber es ist nicht das Morgengrauen, das uns zur Eile drängt.
Am Waldrand angekommen, bleiben wir stehen. Ohne den Schutz der Bäume ist es doppelt so kalt und windig. Ich ziehe mir die Kapuze meiner Jacke über den Kopf. Von hier aus hat man freien Blick auf die Sterne am klaren Nachthimmel.

Langsam kommen auch die letzten Jäger bei uns an.
“Da drüben ist es”, flüstert Fabio und deutet überflüssigerweise auf das einzige Haus weit und breit. Die meisten von uns kennen seine rosa Wand sowieso schon. Schließlich hat Fabio darauf bestanden, dass alle seinen Plan am lebensgroßen Modell erklärt bekommen. Damit heute auch ja alle ganz genau wissen, was sie zu tun haben.
“Auf drei”, wispert er. Trotz des lauten Windes hat niemand Probleme, ihn zu verstehen.
“Eins...zwei...drei!”
Ich atme tief ein. Dann sprinte ich an Fabios Seite über die Straße.
Der Trupp läuft hinter uns her, wobei alle sorgsam darauf achten, dass ihre Schritte auf dem harten Teerboden nicht zu hören sind.
 

18.6.15 14:37, kommentieren

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Die Menschenfarm - Kapitel 3

N1245:

Ich zittere nicht, auch wenn ich nicht verhindern kann, dass mein Herz die Synfonie mit dem Paukenschlag pocht. Ich weiß, dass es diesmal so weit sein muss. Diesen Tag  werde ich nicht überleben. Es hat sowieso schon viel zu lange gedauert. Mein Leben, meine ich.
Als sie mich zu dem Stuhl führen, lehne ich mich entspannt zurück. Hunderte von Gedanken habe ich darauf verschwendet, mich zu fragen, wie es wohl sein wird. Wie es sich anfühlt zu sterben, ob man danach wirklich die versprochene Erlösung findet. Oder ob es einfach so sein wird, als hätte man nie gelebt.
Hat man ja auch nicht. Nicht richtig jedenfalls. Man ist jeden Tag aufgestanden, ist zum Frühstück gegangen, ist in die Schule oder in die Arbeit gegangen, hat zu Abend gegessen, ist ins Bett gegangen. Aber mehr ist nie passiert. Man hat nie etwas gefühlt, nie etwas gedacht, was irgendwie besonders war, nur eben das, was alle Menschen denken sollen.
Zombies leben. Menschen sind da. Sie existieren.
Im Grunde wird also nur etwas zu Ende gehen, was man nicht mal den Schatten eines Lebens nennen kann.
Bloß mein Herz will das offenbar nicht einsehen.

Aber an diesem Tag denke ich nicht über solche Sachen nach. Eigentlich bin ich zu alt, um überhaupt noch über so was nachzudenken.
Ich schließe die Augen und warte, die Gedanken brav darauf konzentriert, dass 15 Jahre eine ziemlich langes Zeit für einen Menschen sind. Dass nur 5% von uns dieses Alter erreichen. Dass der Tod letztendlich zum Ziel des Lebens führt und uns das Glück bringt, auch wenn man auf ein langes Leben stolz sein kann.
Was man in meiner Situation eben denken sollte. Das ist  entspannend. Einfach.
Sie schließen die Fesseln um meine Hand- und Fußgelenke. Ich halte still. Dann setzen sie mir, wie jedes Mal bei den Tests, einen Visulisierer auf.
Ein Visualisierer ist ein Gerät, mit dem sie über den Computer steuern können, was du siehst.
Sofort versinkt die Welt in Schwarz. Ich warte.

Als ich wieder aufwache, liege ich in einem Bett. Ich habe keine Ahnung, ob ich mich in der Vision befinde, oder den Test tatsächlich noch ein weiteres Mal bestanden habe. Nach einem Test vergessen wir immer, was darin passiert ist. Es ist also Beides gut möglich.
Die Glocke läutet, Zeit zum Aufstehen. Mechanisch tausche ich die Schlafuniform gegen die Arbeitsuniform und klettere die Leiter herunter. Dabei fällt mir auf, dass ich ein Bett weiter oben gelegen habe, als noch letzte Nacht.
Ich habe den Test also bestanden. Erleichterung und Stolz durchströmen mich.
Einen kurzen Moment überlege ich, worin er wohl bestanden hat. Dann fällt mir ein, dass mich das nicht interessieren sollte. Jetzt zählt, dass ich nur noch einen Test überstehen muss, um eine ausgewachsene Psychologin zu werden. Aufgeregt überlegte ich, wie die Ausbildung wohl aussehen wird.
Aber Psychologen dürfen nur die bravsten und fähigsten Menschen der Farm werden. Regelverstöße werde ich um jeden Preis vermeiden müssen. Ich darf keine Fehler machen.
Nicht, dass ich je gegen irgendwelche Regeln verstoßen hätte. Trotzdem, ich sollte mich lieber schnell auf den Weg machen, um ja nicht zu spät zur Arbeit zu kommen.
Ich statte der Kantine den morgenlichen Besuch ab und tauschte an der Ausgabe die kleinen Marken mit meiner Nummer und dem Datum gegen die Vitamin-Tablette, die Mineralien-Tablette und die Energie-Tablette ein, die mir jeden Tag zugeteilt werden. Die Frau an der Ausgabe-Theke reichte mir wie üblich eine blaue, eine grüne, eine rote, eine orange und eine graue Pille. Doch diesmal legt sie auch noch eine braune dazu.
"Was ist das?", frage ich neugierig. "Koffein", antwortet sie. Ich nickte.
Koffein?
Anschließend schlage ich meinen gewohnten Weg zum Maschinenraum ein. Es gilt als Ehre, im Maschinenraum zu arbeiten. Nur die Intelligentesten dürfen das. Ausschließlich Psychologen und Forscher, die mit Stress, Druck und komplizierten Aufgaben fertig werden und hart arbeiten können. Ich bin stolz auf meine Arbeit.
Doch als ich mich in die Schlange der Mädchen einreihen will, hält mich die Wächterin am Arm fest.
"Du nicht, N1254. Du  arbeitest ab heute im Gas-Bereich. Gang 3465, Zimmer 566532." Ich nicke und machte mich auf den Weg zu Zimmer 566532, das sich im Gebäude gegenüber befindet.
Gas-Bereich?
Als ich die Tür zu dem Zimmer öffne, erwartet mich eine riesige Halle, in der alles sehr sauber ist. Der Teil, den ich sehen kann, ist an Boden und Wänden mit den grauen Fließen bedeckt, mit denen auch der Maschinenraum zugepflastert ist. Die Sicht auf den Rest der Halle versperrt mir eine riesige Maschine. Sie besteht aus einer großen, grauen Tonne, um die etwas herumführt, was ich in der Schule schon einmal auf einem Bild gesehen habe. Fließband. Das ist sein Name.
Es beginnt in dem Teil des Raums, den ich nicht sehen kann und endet in einer Spirale um die Tonne herum.
"Na endlich", sagt der Aufseher ungeduldig und mir fällt auf, dass er ein Zombie ist. Einer der wenigen, die hier arbeiten. Der Raum muss eine besondere Bedeutung haben, sonst hätten sie einfach eine der Ausgewachsenen als Wächterin genommen.
"Hier hinstellen, alle Produkte mit männlichen Geschlecht -das sind die mit den roten Bändern um den Arm- aussortieren und in diese Tonne", befiehlt er knapp und zeigt auf einen Platz am Fließband. Ich stelle mich dort hin. Er drückt auf einen Knopf und das Band setzt sich in Bewegung.

Sofort kommt wie aus dem Nichts das erste Produkt bei mir an. Es ist ein kleines Kind. Höchstens ein paar Tage alt. Ich habe seit 13 Jahren kein Kind mehr gesehen. Um seinen Arm ist ihm ein dünnes rotes Band gebunden worden.
Ich starre es an.
Seltsam große, braune Augen starrten zurück.
"Das war einer, Mädchen!", ruft der Aufseher zornig und hält das Fließband an. "Du sollst ihn in diese Tonne da werfen!" Ich nickte ruckartig, hebe das Baby ungeschickt hoch und werfe es in die Tonne. Der Zombie nickte befriedigt. "Genau." Er lässt das Fließband wieder laufen.

Nach einigen Stunden Arbeit schmerzen meine Arme heftig vom vielen Werfen und ich werde langsam müde. Trotzdem fühlte ich mich seltsam wach, wie aufgeladen, obwohl mir gleichzeitig vor Müdigkeit schwindelig ist. Koffein, denke ich.
Auch andere Mädchen arbeiten hier, sie sind alle älter als ich. Ihre Blicke sind stumpf, ihre Bewegungen geübt und immer exakt dieselben. Ich glaube nicht, dass sie merken, was sie machen.
Ich merke auch nicht, was ich mache. Meine Augen starren mit halb zugefallenen Lidern in das schwarze Loch, in das die aussortierten Kinder nacheinander eingesaugt werden. Nacheinander verschwinden sie darin; jeweils mit einem leisen Plopp. Plopp, plopp, plopp, plopp, plopp.
Greifen, heben, werfen, greifen, heben, werfen.
Mein einziger Gedanke während der ganzen Zeit ist "Keine Fehler." Immer wieder, im Rhytmus meiner Bewegungen. "Keine Fehler, keine Fehler, keine Fehler, keine Fehler, keine Fehler."
Erst, als die Arbeitszeit schon fast um ist, begreife ich, was das für eine Tonne ist.
Gas-Bereich.

Irgendwie kann ich nicht schlafen diese Nacht. Nein. Nein, dass stimmt nicht ganz. Ich will nicht schlafen diese Nacht. Schließlich halte ich die Tablette, die mich wie jede Nacht zum Schlafen gebracht hätte, direkt in meiner Hand. Es ist das erste Mal, dass ich sie nicht genommen habe. Stattdessen drehe ich sie jetzt zwischen meinen Fingern hin und her.
Ich weiß nicht, was ich denken soll. Noch nie bin ich in so einer Situation gewesen. In einer Situation, für die es keine vorgeschriebenen Verhaltens- und Denk-Richtlinien gibt.
In welcher Situation bin ich überhaupt? Was ist anders als sonst?
Ich habe eine neue Arbeitsstelle. Eine ermüdende, anstrengende Arbeitsstelle. Aber sie ist auch weniger kompliziert, als die im Maschinenraum, nur immer wieder dieselbe Bewegung. Ohne zu wissen warum, erschaudere ich bei der Erinnerung.
Eigentlich ist das etwas ganz normales. Warum will ich dann plötzlich meine Tablette nicht mehr nehmen? Ausgerechnet jetzt, wo es so wichtig ist, nicht aufzufallen? Wo ich so kurz davor stehe, zur Psychologin ausgebildet zu werden?
Ich kann keinen logischen Grund finden.
Trotzdem kann ich sie nicht in meinen Mund schieben. Ich schaffe es einfach nicht.

Auf einmal fällt mir auf, wie dunkel es ist. Ich kann nichts sehen, gar nichts. Bis jetzt bin ich immer eingeschlafen, bevor die Nacht anbrach.
So sieht es also aus, wenn man alle Lichter ausmacht, denke ich. Schwarz. Dann, weil es so unheimlich still ist, spreche ich die Worte auch laut aus:"So sieht es also aus, wenn man alle Lichter ausmacht." Ich zucke zusammen, weil meine Stimme so laut klingt.
Ein komischer Effekt der Dunkelheit ist, dass die Dinge, die man sich vorstellt, plötzlich viel lebendiger werden. Die Bilder in meinem Kopf sind auf einmal stechend scharf. Bilder aus meiner Kindheit. Von der Schule. Meinem ersten Arbeitstag. Der Tag vor meinem ersten Test. Der Anblick des Schulzimmers am Tag danach, als nur noch ein Viertel der Mädchen übrig waren.
Der Tag, als N1227 nicht mehr da war. Der neue Aufseher. Große, braune Augen.
Der Tag, als wir erfuhren, dass wir sterben, wenn wir einen Test nicht bestehen. Dass wir nur leben, um eines Tages unsere ehrenvolle Aufgabe zu erfüllen, einem Zombie als Mahl zu dienen. Zombies müssen Menschen essen, um zu überleben. Es ist eine Ehre, so zu sterben. Auf ein langes Leben kann man stolz sein, weil man den Zombies lange gedient hat. Aber die wahre Ehre und das vollendete Glück finden sich letztendlich nur in unserem Lebenszweck: unserem Tod. Das weiß ich. Auch wenn ich Angst vor diesem Tag habe. Aber es ist keine Schande, Angst zu haben. Die einzige Schande ist davonzulaufen.
Aber ist es auch eine Ehre, im Gas-Bereich zu enden? Einen Tod zu sterben, der niemandem nützt? Ich weiß es nicht. Darüber haben die Lehrer nie gesprochen.
Wieder sehe ich die großen, braunen Augen vor mir.
Erst bei ihrem Anblick fällt mir auf, dass die Bilder etwas gemeinsam haben: Jede Erinnerung wird von demselben komischen Gefühl begleitet, für dass ich keinen Namen habe.
Und dem Gefühl, dass ich dieses Gefühl eigentlich nicht haben sollte. Dass es nicht üblich ist, es zu fühlen. Schuldbewusst sehe ich mich um, obwohl ich weiß, dass alle anderen Mädchen schlafen.
Die Augen werden immer größer. Sie starren mich an. Irgendwie so unwissend.
Sie starren mich an, bis ich einschlafe; zum ersten Mal ohne Tablette einschlafe.

Der Tabletten-Schlaf ist deutlich angenehmer. Am Ende der Nacht liege ich wach und nassgeschwitzt in meinem Bett, ohne zu wissen, was ich Anstrengendes getan habe, um jetzt so verschwitzt aufzuwachen.
Erst, als ich die neue braune Tablette eingenommen habe, fühle ich mich allmählich besser.
Und schlechter. Da ist wieder dieses Gefühl, das ich nicht einordnen konnte. Je näher ich meiner Arbeitsstelle komme, desto stärker wird es. Plötzlich kommt mir der Gedanke, dass ich einfach umkehren könnte, zurück zum Schlafsaal gehen könnte. Niemand würde mich daran hindern.
Erschrocken über mich selbst sehe ich mich um. Der Gang ist leer.
Was ist nur los mit mir? Seit wann bin ich zu faul für die Arbeit? Ich war immer stolz auf meinen Fleiß.
Das gefällt mir nicht.

Diesmal komme ich pünktlich. Doch als ich mich auf meinen Platz von gestern stellen will, weißt mir der Aufseher eine Stelle etwas weiter entfernt von der Tonne zu. Das Mädchen, das dort gearbeitet hatte, ist tot.
Ich habe die Aufgabe, die Bänder an den Armen zu überprüfen. Rot für Junge, gelb für Mädchen.
Das ist viel einfacher, als meine Aufgabe vom Vortag. Hier muss ich nur kontrollieren, ob die Babys die richtigen Merkmale aufweisen. Natürlich muss es sehr schnell gehen, aber es ist wesentlich weniger anstrengend.
Kind um Kind zieht vorbei. Wenn es mir gelingt, das seltsame Gefühl zu unterdrücken, ist es fast eine entspannende Arbeit. Die Gleichmäßigkeit ist beruhigend.
Aber es wird immer schwerer, das Gefühl zu unterdrücken. Es wächst in mir an, mit jeder Stunde die vergeht.
Einmal, kurz vor Feierabend, kommt mir bei einem besonders kleinen Jungen der Gedanke, dass ich einfach nur das Bändchen abreißen müsste, dann würde er nicht in die Tonne geworfen werden. Keine Ahnung, wieso ich das denke. Es... geht mir einfach durch den Kopf. Einfach so.

16.6.15 14:29, kommentieren