Die Menschenfarm - Kapitel 2

Leah:

Ungeduldig rucke ich hin und her. Mich still zu halten war noch nie meine Stärke. Und ich liege jetzt schon seit drei Stunden hier am Boden. Möglichst flach, sodass die hohen Gräser mich vor Passanten verbergen. Mein Blick ist fest auf das Zombie-Haus auf der anderen Seite der Straße gerichtet. Aber den ganzen Nachmittag ist noch nichts passiert. Kurz sehe ich mich nach Imagus und Ricko um. Sie hocken noch immer in genau der selben Position auf genau dem selben Ast, wo sie das dichte Geäst ziemlich gut versteckt. Wie schaffen sie es nur, so lange Zeit bewegungslos dazusitzen?
Meine Augen verweilen einen Moment zu lange auf Imagus Gesicht. Er erwidert meinen Blick fragend. Ich schüttle nur den Kopf und sehe weg.
Der Junge ist ganz schön erwachsen geworden letzten Sommer. Das fällt mir in letzter Zeit immer wieder auf, auf unseren gemeinsamen Jagdzügen. So richtig Kind war er seit dem Tod seiner Eltern eh nie mehr, aber jetzt sieht man es ihm auch an, dass er ein Mann ist, den niemand beschützen muss. Im Gegenteil.
Er ist so nachdenklich und still. Wenn er etwas sagt, dann sind seine Worte entweder eine geheimnisvolle Antwort auf irgendeine dumme Frage oder etwas wirklich Wichtiges. Früher war er immer der, der für die gute Stimmung gesorgt hat und sich mit jedem unterhalten hat. Heute ist er ein kaltblütiger Krieger. Seine Gedanken drehen sich nur noch um die tägliche Jagd und die Planung des Angriffs.
Aber so ist das im Lager. Das ist das, was das Leben hier aus uns macht. Krieger.
Andererseits – das Leben außerhalb des Lagers bietet auch nur den Tod als reizvolle Alternative. Ich sollte dankbarer sein.

Eine Schnecke zieht meine Aufmerksamkeit auf sich. Sie kommt meinem Gesicht gefährlich nahe. Ich rutsche ein Stück zurück.
Das Tier hat eine seltsame Farbe, fast violett mit blauem Schimmer. Unendlich langsam, so langsam, wie die Zeit an diesem Nachmittag, kriecht sie ein Blatt vor direkt meiner Nase entlang. Aber seltsamerweise hinterlässt sie keine Spur. Komisch.
Ich nehme den Stil des Blatts zwischen meine Finger und drehe es hin und her. Die Schnecke hält inne.
Dann schleudere ich es soweit wie möglich von mir weg.
“Leah!”, zischt Fabio in meinem Ohr. Er leitet den geplanten Überfall. Ich drücke das alte Funkgerät fest an mein Ohr, um ihn besser zu verstehen.
“Beweg' dich nicht ständig! Du weißt was passiert, wenn dich jemand sieht!”
Ich verdrehe die Augen.
“Wie lange soll das hier denn noch gehen?”, zische ich zurück. “Wir wissen alles, was wir brauchen! Lass uns abhauen, ich hab' Hunger!”
Aber die einzige Antwort, die ich bekomme, ist:”Nicht so laut!”
Seufzend nehme ich wieder das Haus ins Visier. Es liegt ruhig und verlassen da. Wie schon die ganze Zeit. Wie die gesamten letzten Nachmittage. Ein Blick zur Sonne sagt mir, dass es noch mindestens eine Stunde dauern kann, bis die Besitzer zurückkommen.
Die Entdeckung des Hauses war ein riesiger Glücksfall für uns. Nicht nur, weil so abgelegen stehende Zombie-Häuser sehr selten sind, sondern auch wegen der drei Besitzer. Gaia, die Lagerleiterin, meint, dass sie aus einem Zombie entstanden sind und deshalb alle drei im selben Haus wohnen. Aber irgendwie kann ich mir nicht vorstellen, dass sich unsere Feinde wirklich so vermehren. Wie soll das denn gehen, dass aus einem plötzlich drei werden? Spalten die sich dann einfach auf, oder was? Unser Arzt hat mir einmal erklärt, dass es bei Bakterien so funktionieren kann. Aber bei riesigen Zombies mit Köpfen, Beinen und Händen?
Oder wachsen dem Vater-Zombie dann zwei weitere Köpfe und so, bis aus ihm drei zusammenklebende Zombies geworden sind, die sich dann irgendwann trennen? Die Vorstellung lässt mich erschaudern.
Naja, egal. Jedenfalls leben sie nicht nur in einem Haus, sondern arbeiten auch alle drei für das Ministerium für Menschenaufzucht. Ihr Haus, besonders der Keller, ist praktisch eine Lagerhalle an Sachen, die wir dringend brauchen: Antibiotika, Fleisch und Gemüse (sie führen irgendwelche Experimente an denen durch, wahrscheinlich, um mehr über die Menschen und ihre Körper herauszufinden), Wasser, Bücher und Gegenstände aus der alten Zeit, sogar Kleidung und einiges an Unterlagen, die uns Informationen über die Menschenfarmen liefern könnten. Offiziell sind diese Informationen der Grund, warum wir Tag für Tag hier rumliegen. Aber ich bin nicht dumm. Eigentlich geht es vor allem um die Medizin.
Die Menschen in den Farmen zu befreien ist ein unrealistisches Ziel, jedenfalls kurzfristig gesehen. Niemand glaubt wirklich daran, dass wir es je erreichen werden. Das reden wir nur unserem Gewissen ein.
In Wirklichkeit ist das erste, wichtigste und einzige Ziel dieser Mission unser eigenes Überleben.
Das Überleben der letzten Wildmenschen.

Aber die Begeisterung über die Entdeckung ist längst verschwunden. Ich kann die blassrosa Fassade nicht mehr sehen. Hier zu liegen und zu wissen, dass wir nur über die Straße rennen müssten, um zu holen was wir so dringend brauchen, ist pure Folter.
Das Einzige was mich zurückhält, ist das Wissen, dass es morgen losgeht.
Und dass eine unüberlegte Aktion mich für den Tod von uns allen verantwortlich machen könnte.

Ich höre das Brummen des Motors schon von Weitem. Endlich. Gespannt hebe ich den Blick und lasse die Straße nicht mehr aus den Augen. Autos und ihre unglaubliche Geschwindigkeit haben mich schon immer fasziniert. Der Gedanke, dass Menschen sowas früher gebaut haben, macht mich stolz.
Dieses Exemplar ist schwarz, groß und laut. Wie üblich hält es im gepflasterten Hof vor dem Haus. Die drei angeblichen Brüder steigen aus. Sie tragen dieselbe schwarzen Anzüge wie gestern. Oder welche, die genauso aussehen. Ich habe noch nie verstanden, warum die Zombies diese Kleidungsstücke von den Menschen übernommen haben. Warum sollte man freiwillig so etwas Unpraktisches anziehen, wenn es nicht mal gut aussieht?
Auch die Aktenkoffer sind die selben. Braun und vollgestopft.
Jetzt kann es nicht mehr lange dauern, bis sie ihr abendliches Ritual durchlaufen haben und wir abhauen können: Zähneputzen (nicht daran denken, von welchen Resten sie ihre Zähne befreien müssen...), eine Runde Kartenspielen (ich glaube, das machen sie aus reiner Gewohnheit und Langeweile; Zombies sehen nicht aus, als könnten sie so was wie Spaß überhaupt empfinden), sich umziehen, Lichter aus, ins Bett gehen.
Jeden Abend müssen zwei von uns hierbleiben, um das Haus auch nachts zu überwachen, aber nach diesem Ritual ist noch nie etwas Besonderes passiert.

Heute sind gottseidank Ricko und Fabio an der Reihe. Auf Fabios' Zeichen hin machen Imagus und ich uns auf den Weg zum Lager zurück. Gott, tut es gut, seine Beine wieder zu bewegen!

15.6.15 22:36

Werbung


bisher 2 Kommentar(e)     TrackBack-URL


(16.6.15 00:01)
Sehr sehr spannend & ich würde gerne mehr lesen Schreibe selber gerne, weswegen mich sowas immer Interessiert. Gute Arbeit!


(16.6.15 14:12)
Vielen Dank! Freut mich sehr, wenn es dir gefällt.
Da ich neun Kapitel schon fertig geschrieben habe, wird "mehr" auch bald kommen

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)


 Smileys einfügen