Die Menschenfarm - Kapitel 6

Leah:

Ich drücke mich gegen die Hauswand. Sie fühlt sich genauso rau an, wie ich sie mir in den vielen Nachmittagen vorgestellt habe. Die anderen Jäger verstecken sich in dem heckenähnlichen Gebüsch, das sich um drei Seiten des Hauses herumzieht wie ein Zaun.
Nur Fabio, Ricko und ich stehen mit klopfenden Herzen gut sichtbar auf dem gepflasterten Hof und warten. Fabio, weil er der Anführer ist und überall vorne mit dabei sein darf.
Ich, weil jemand Wache stehen muss und ich die schärfsten Augen und die besten Ohren habe. Wenn ein Auto vorbeifahren würde, könnte ich es als erstes hören. Und für den Fall, dass ein Zombie zur Toilette muss, muss irgendjemand das Haus im Blick behalten.
Und Ricko steht da, weil er stark ist.
Obwohl er jetzt seit fünf Minuten eine Räuberleiter für Thalia macht, die wirklich nicht wenig wiegt, keucht er nicht ein einziges Mal. Er wirkt nicht mal ungeduldig, eher gelangweilt.
Thalia ist die Technick-Expertin der Jäger. Sie kennt sich mit allem aus, was irgendwie mit den Naturwissenschaften zu tun hat. Von Sprengstoff und Schusswaffen bis hin zu Autos und Alarmanlagen.
Nur mit diesem Modell scheint sie Probleme zu haben. An Fabios nervösen Blicken erkenne ich, dass ihre geschickten Finger länger brauchen, als sein Zeitplan es vorsieht.
Thalias Blick hingegen ist starr auf das runde, weiße Teil gerichtet, das die Anlage sein muss und lässt keine Gefühle erkennen. Sie muss mit den Armen durch das gekippte Fenster über der Haustür greifen, um an das Teil heranzukommen. Es ist bestimmt anstrengend, das Werkzeug so lange oben zu halten und in dem wenigen Licht mit Schraubenzieher und Drahtmesser zu hantieren. Aber auch sie zeigt kein Zeichen von Beschwerde oder Erschöpfung.
Ich tausche einen frustrierten Blick mit Fabio. Er bedeutet mir mit einer Geste, meine Aufgabe zu machen.
Ich verdrehe die Augen, wende mich dann aber wieder Straße und Haus zu.
Natürlich gibt es kein Anzeichen auf Autos oder Licht im Haus. In den anderen Nächten ist hier schließlich auch nie etwas passiert.
Doch plötzlich höre ich ein Krachen. Mein Blick zuckt zum Haus. Instinktiv ducken wir uns alle.
“Fertig”, erklärt Thalia entschuldigend. “Gab keinen anderen Weg, sorry.”
Ich atme erleichtert aus. Achso. Das war die Alarmanlage.
Das Schloss zu knacken dauert nicht halb so lange. Sie braucht nur etwa eine Minute, bis sie die Türklinke herunterdrückt. Die Tür lässt sich problemlos öffnen.
Thalia stößt sie auf und tritt einen Schritt zurück. Einen Moment warten wir angespannt.
Aber nichts passiert. In der unschuldigen Nachtstille ist nur unser gemeinsames Aufatmen zu hören.
Fabio hebt die Hand  und winkt. Die Jäger schleichen sich aus ihrem Versteck.
Er übernimmt wie immer die Führung. Die Gruppe folgt ihm in das Haus hinein. Ich gehe diesmal ganz hinten.

Ab jetzt zögern wir keinen einzigen Moment mehr. Wir alle kennen den Plan. Entschlossen und eilig gehen wir dieselben Schritte, die wir im Kopf schon so oft gegangen sind.
Fabio übernimmt den Teil der Gruppe, die sich in den Keller schleicht. 13 Leute werden unter seinem Kommando in der eingeplanten halben Stunde so viele Vorräte, Medikamente und Unterlagen einstecken wie möglich.
Bleiben 15 Jäger für die Ermordung der drei Zombies.
Es führt kein Weg daran vorbei, sie umzubringen, das haben wir oft genug ausdiskutiert. Das Risiko für das Lager wäre sonst einfach zu groß.
Im Flur teilen wir uns in drei Gruppen auf. Eine nimmt sich den im Erdgeschoss schlafenden Zombie vor. Ricko wird sie führen.
Die, die den zweiten Zombie zur Strecke bringen soll, trennt sich mit Imagus an der Spitze im ersten Stock von uns.
Dann bleiben mir noch vier Jäger für den letzten Bruder übrig.
“Die Treppe könnte knarzen”, warne ich sie leise. Mit vorsichtigen Schritten folgen sie mir in den dritten Stock hinauf.
Ich habe diesen Hausgang schon so oft durch das Fernglas beobachtet, dass es mir vorkommt, als wäre ich schon mal hier gewesen. Der braune Holzboden, die weißen Fließen an der Wand und das unpassende alte Gemälde mit den lachenden Menschenkindern sind mir so vertraut, als würde ich selbst hier wohnen. Nur die verdorrte Zimmerpflanze im Eck entdecke ich zum ersten Mal.
Das zweite Zimmer auf der linken Seite ist das Schlafzimmer. In ihm ist das Licht immer als Letztes ausgegangen.
Die Hand schon halb auf der Klinke, drücke ich mein Ohr gegen die Tür. Stille.
Ich drücke den Griff nach unten. Glücklicherweise ist sie gut geölt.
Meine Augen haben sich längst an die Dunkelheit gewöhnt. Trotzdem brauche ich ein paar Sekunden, bis ich das fette Bündel auf dem Bett an der gegenüberliegenden Wand als unser Zielobjekt erkenne.
Seine Augen sind zu.
Erleichtert bedeute ich meinen Kameraden, hereinzukommen, als ich plötzlich einen lauten Schrei höre.
Klingt wie ein verwundeter Zombie.

In Gedanken stöhne ich. Diese Idioten! Sie hätten noch nicht anfangen dürfen!
Ich ziehe zwei meiner Messer. Wachsam betrachte ich den Zombie.
Seine Augen zucken. Verdammt!
Es hat keinen Sinn mehr, sich an den Plan zu halten. Jetzt gilt es, schnell zu sein. Wenn wir angreifen, bevor er richtig wach ist...
“Auf ihn!”, flüstere ich. Mit wenigen Schritten bin ich beim Bett.
Der Zombie springt auf. Er ist flinker, als er mit dem Gewicht und seinen zwei Metern eigentlich sein dürfte.
Ich ducke mich unter seiner Faust weg.
Auf einmal komme ich mir lächerlich winzig vor. Ich komme nicht mal richtig an seinen Hals heran, ohne zu viel von meiner Deckung aufzugeben.
Mein Blick fällt auf das Bett. Ich wirble um ihn herum. Versetze ihm einen Tritt gegen das Bein. Er schlägt wieder nach mir.
Ich springe auf das Bett. Ramme ihm mein Messer in den Arm, bevor er sich umdrehen kann.
Wütend schreit er auf. Seine blassen Augen sprühen vor Zorn. Er schafft es, meine Arme zu packen und mich fest gegen die Wand zu pressen. Mein Kopf wird dabei mit voller Wucht nach hinten geschleudert.
Ich schreie ebenfalls auf. Mein Kopf dröhnt. Mir wird schwindelig vor Schmerz. Die Funken tanzen vor meinen Augen.
Ich beiße die Zähne zusammen und trete ihm zwischen die Beine. Er bemerkt es nicht mal.
Ich kann seinen abartig süßen Pfefferminz-Atem riechen, als sich sein Mund meinem Hals nähert.
Oh nein. Ich nehme all meine Kraft zusammen und schlage mit meinem Kopf gegen seine Stirn. Er taumelt eine Sekunde lang. Doch sein Griff bleibt so verdammt fest. Er ist hundertmal stärker als ich.
Seine Zähne kommen mir immer näher. Gleich wird er mir die Kehle durchbeißen. Ich erschaudere. Verzweifelt brülle ich auf. Versuche, meinerseits nach ihm zu schnappen. Es gelingt mir tatsächlich, meine Zähne in seine große Nase zu schlagen.
Einen Moment lang bin ich erstaunt, wie tief sie in sein Fleisch eindringen. Er schreit wieder auf. Aber der Druck lässt immer noch nicht nach. Auch nicht, als ich ihm mein Knie ins Gesicht ramme.
Verzweifelt schließe die Augen. Gegen seine Kraft kann ich nichts ausrichten.

Aber dann lockert sich der Griff plötzlich.
Ohne nachzudenken werfe ich mich gegen ihn. Ich befreie meine rechte Hand. Schlage mit der Faust fest in sein Gesicht.
Er stolpert und kippt nach hinten um.
Überrascht von der Stärke meines Schlages blicke ich zu ihm hinunter.
Die metallerne Spitze eine Pfeils ragt aus seiner Brust.
Ich stütze mich einen Moment an der Wand ab, bis der Schwindel nachlässt.
Dann nicke ich der Bogenschützin dankbar zu. Es ist die junge Jägerin mit den schwarzen, kurzen Haaren und der Narbe.
Schweigend eilen wir die Treppe nach unten.
Wie besprochen laufen die Schwarzhaarige und ich zum Schlafzimmer des zweiten Stocks, während der Rest meines Teams den Jägern im ersten Stock zur Hilfe eilt.

Es sieht nicht gut aus für Imagus' Team, das sehe ich auf den ersten Blick. Er selbst liegt scheinbar ohnmächtig in der Ecke. Als hätte ihn der Zombie einfach da hingeschmissen.
Auch die Anderen stehen nicht mehr auf ihren Beinen.
Bis auf einen glatzköpfigen Mann, der fast genauso groß ist, wie der Zombie selbst. Er liefert sich einen erbitterten Ringkampf. Doch er hat keine Waffen und sein Gegner ist um einiges stärker.
Die Schwarzhaarige und ich sehen uns kurz an. Ich lege den Finger auf die Lippen. Sie spannt ihren Bogen und fasst in den Köcher auf ihrem Rücken. Aber ich komme ihr zuvor. Mein Wurfmesser sirrt durch die Luft, noch bevor sie den ersten Pfeil zwischen die Finger bekommt. Es bleibt ebenso sauber in der Brust des Zombies stecken, wie ihr Pfeil.
“Lauf du mit Glatzkopf ins Erdgeschoss, ich kümmere mich um die Verwundeten”, befehle ich knapp. Sie nickt und rennt los.
Ich warte, bis Glatzkopf ebenfalls weg ist. Dann gehe ich zu Imagus hinüber.
Er hat eine fette Platzwunde am Kopf. Stöhnend ziehe ich erst meine Jacke, dann das T-Shirt aus und wickle es ihm um den Kopf. Das sieht gar nicht gut aus.
“Wach auf!”, flehe ich verzweifelt. “Wach auf, du Idiot, bevor sie kommen! Wir müssen hier weg!”
Als er kein Lebenszeichen zeigt, gehe ich zu den anderen Teamitgliedern hinüber.
Sie kommen offensichtlich gerade zur Besinnung. Wenigstens scheinen sie nicht allzu schlimm verletzt zu sein.
“Könnt ihr aufstehen?”, frage ich. Sie nicken. Erleichtert helfe ich ihnen nacheinander hoch. In der Dunkelheit kann ich ihre Gesichter nicht erkennen, aber sie geben keinen Laut von sich, also können sie keine zu großen Schmerzen haben.
“Geht nach unten zu den Anderen. Wir müssen so schnell wie möglich abhauen.”
Ich wende mich wieder von ihnen ab und beachte sie nicht mehr.
Imagus liegt noch immer bewusstlos da.
Ich habe keine Wahl. Wenn wir hier weg wollen, bevor der Sicherheitsdienst kommt, den die kaputte Alarmanlage längst auf den Plan gerufen haben dürfte, muss ich ihn tragen.
Ich gehe nicht gerade sanft mit ihm um, als ich seinen schlaffen Körper vor Anstrengung und Müdigkeit keuchend über meine Schultern werfe. Aber mir bleibt jetzt keine Zeit, die Samthandschuhe anzuziehen. Die halbe Stunde ist längst vorüber.
Der Adrenalinstoß, den der Kampf in mir ausgelöst hat, hat nachgelassen. Jetzt fühle ich mich nur noch erschöpft.
Viel zu langsam erreiche ich die Treppe. Ich höre Stimmen. Die Anderen verlassen bereits das Haus.
Ich schleppe mich die Stufen hinunter, obwohl ich viel lieber rennen will. Jeder Schritt kostet mich alle Kraft, die ich aufbringen kann.
Nur noch zehn Stufen, denke ich. Noch fünf. Noch drei. Noch eine Stufe. Nur noch den Flur entlang... zur Tür...
Endlich bin ich draußen.
Die Jäger haben schon die andere Straßenseite erreicht. Sie flüchten sich in die schützende Deckung des Waldes, ohne auf uns zu warten.
Dann höre ich auch, wovor sie fliehen.
Autos.
Auf einen Schlag bin ich wieder wach. Ich nehme das letzte bisschen Energie zusammen und stolpere zum Gebüsch.
Dort gebe ich mir drei Sekunden, um mich auszuruhen.
Drei.
Ich wische mir den Schweiß von der Stirn.
Zwei.
Ich bestaste meinen pochenden Hinterkopf.
Eins.
Ich betrachte meine blutigen Finger. Sie verschwimmen vor meinen Augen.
Null.

Mit einem weiteren leisen Stöhnen stehe ich auf. Hieve Imagus auf meinen Rücken, schlinge seine Beine um meine Taille und seine Arme um meinen Hals. Wenn ich etwas nach vorne gebeugt laufe, dürfte er nicht herunterfallen.
Hinter den Gebüschen auf der Rückseite des Hauses liegen verwilderte Maisfelder aus der alten Zeit. Zwischen den meterhohen Pflanzen dürften wir schwerer zu finden sein. Und hinter den Maisfeldern wuchert ein weiterer Wald. Wenn ich es nur dorthin schaffe bevor sie uns entdecken, kann ich vielleicht einen halbwegs sicheren Unterschlupf finden.
Ich renne los.
Und keine Sekunden zu spät. Kaum bin ich den ersten Schritt in das Feld hineingestolpert, höre ich Autotüren, die unsanft zugeschlagen werden.
 

24.6.15 15:53

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