Die Menschenfarm - Kapitel 7

Valentin:

“Wollen wir nachher noch gemeinsam essen gehen?”
Ich sehe erschrocken von den Unterlagen hoch.
Marcus fragt so etwas sonst nie. Normalerweise kommt er alleine zur Arbeit und geht genauso alleine auch wieder heim. Überhaupt ist er niemand, der Gesellschaft schätzt. Er redet nur, wenn es sein muss. Seine Anweisungen sind meist einsilbig und unpersönlich.
Viele würden ihn als kalt und einschüchternd bezeichnen. Aber wir arbeiten inzwischen drei Jahre zusammen. Ich weiß, dass auch er Gefühle hat. Tief in ihm drin. Sehr, sehr tief.
Er schätzt eben Authentizität und will niemandem Freundlichkeit vorspielen müssen. Denke ich...
Darum überrascht es mich, dass er ausgerechnet jetzt mit mir Zeit verbringen will.
Mein Blick fällt auf seine Tasche, die auf seinem Schreibtisch steht.
Er hat vor Schichtende zusammengepackt? Irgendetwas stimmt da nicht.
Vielleicht hat er gute Laune, weil General Julius Stress hat?
Nach der Nachricht von dem Wildmenschen-Überfall hatte ich immerhin das seltene Glück, seine Mundwinkel kurz zucken zu sehen. Das würde auch seinen beschwingten Gang vorhin erklären.
Ich hatte ebenfalls Mühe, angesichts dieser Neuigkeit ein Grinsen zu unterdrücken. Aber nicht wegen General Julius (Obwohl ich nicht gerade traurig bin, dass er sich die nächsten Tage nicht blicken lassen wird). Die Wildmenschen haben drei Beamte des Ministeriums umgebracht. Des Ministeriums für Menschenzucht. D.h., sie wehren sich endlich. Sie schlagen zurück. Sie haben die Zeit hinter sich gelassen, in der sie nur Häuser ausgeraubt haben, um Nahrung zu stehlen. Jetzt greifen sie endlich mal an.
Natürlich versetzt das die Zombie-Bevölkerung in Angst: Menschen, die Zombies zur Strecke bringen. Es gibt Gerüchte über Schusswaffen und sogar Bomben.
Und natürlich hat das Ministerium für Sicherheit “sofort reagiert”. Die Schutzmaßnahmen der Farmen sollen verstärkt werden und die ersten Menschenjäger sollen schon Morgen losziehen, um möglichst viele Wilde zur Strecke zu bringen.
Bei dem Gedanken daran breche ich beinahe in Gelächter aus. Die Schutzmaßnahmen um die Farmen sind ein reines Ablenkungsmanöver. Jede Studie (außer die des Ministeriums natürlich) beweist, dass die Farmmenschen völlig harmlos sind. Schließlich hat man -haben menschliche Mitarbeiter- jahrelang die Gene und die Zucht so perfektioniert, dass sie auch ohne einen Zaun nicht ein mal davonlaufen. Geschweige denn angreifen. Sie lassen sich freiwillig aufessen, ohne sich zu beschweren. Wachen in der Farm sind nichts als Zeitverschwendung. Oder eine weitere Gelegenheit, alles und jeden zu kontrollieren.
Auch Menschenjäger sind nichts “Neues”. Es gibt sie schon seit einigen Jahren. General Julius ist einer von ihnen. Gut, offiziell ist er “Oberster Schutzbeauftragter der MenschenfarmNewMunichOAG”. Aber seine Hauptätigkeit ist definitiv, Menschen zu jagen, um Angriffen auf die Farm vorzubeugen.
Das Ministerium kopiert wieder einmal unsere Strategie.
Das Witzige ist, das machen sie immer, nachdem sie bei uns gescheitert ist.

Ich überlege. Wenn ich seine Einladung annehme, muss ich mir eine Ausrede einfallen lassen, warum ich nichts esse. Andererseits – Ich bin neugierig, wie Marcus außerhalb der Arbeit so ist. Besonders wenn er schon einmal gut gelaunt ist, sollte ich die Chance nutzen. Vielleicht kann ich etwas über den streng geheimen Teil seiner Arbeit in Erfahrung bringen.
Und im Ausreden finden habe ich schließlich einige Übung.

Ich nicke. “Warum nicht. Wo wollen Sie hingehen?”
Es gibt nicht wirklich viele Fleischläden, die ich von innen kenne.
“Liberty-Kaffee?”
Ich zucke mit den Achseln. “Meinetwegen.”
So reden wir immer miteinander.


Das Liberty-Kaffee ist ein ruhiger, ein bisschen heruntergekommener Laden mit nur drei Speiße-Kabinen. Das hellgelb gestrichene Wartezimmer ist leer. Bis auf den Verkäufer, der hinter der Theke in einer Zeitung blättert, als wir hereinkommen. Er sieht uns über den Rand seiner Brille an und nickt Marcus zu.
“Kabine 3 ist noch frei”, informiert er uns gelangweilt und widmet sich wieder seiner Zeitung.
Nur eine unbesetzte Kabine. Perfekt.
“Gehen Sie. Ich warte auf die nächste.”
Doch er hört mir gar nicht zu.
“Kommen Sie mit”, befiehlt er und zieht mich in die Kabine mit hinein.
“Nein, wirklich, ich esse lieber allei...”, will ich widersprechen.
Aber er hat schon die Tür hinter uns geschlossen.
Ein blondes Mädchen wartet mit dem Rücken zu uns auf der anderen Seite des kleinen Zimmers. Sie steht aufrecht, aber ihre schlaff herabhängenden Arme zittern. Ich fühle ihre Angst beinahe körperlich.
Nur mit Mühe unterdrücke ich ein Schaudern.
“Du kannst sie haben. Ich habe keinen Hunger.”
Ich sehe ihm in die Augen.
Weiß er etwas? Ist das ein Test?
“Ich habe eigentlich auch keinen Hunger”, sage ich und bin froh, dass meine Stimme normal klingt.
“Wirklich?” Es ist eher eine Feststellung, als eine Frage.
So klingt also seine Ironie-Stimme.
“Warum stehlen Sie Energie-Tabletten, Valentin?”
Ich starre ihn an. Doch innerlich atme ich erleichtert auf.
Achso. Solange er nur das weiß, ist noch nichts verloren.
Allerdings habe ich keine Ahnung, wie ich mich da rausreden soll. Er durchschaut Lügen genauso schnell wie ich.
“Ich habe Experimente mit ihnen durchgeführt.” Das ist fast schon eine Standart-Ausrede.
“Und deshalb stehlen Sie jedes Monat einen ganzen Beutel davon?”
“Naja, ich habe welche probiert und bin auf den Geschmack gekommen.”
Meine Hand zittert leicht, als ich sie in meine Jackentasche schiebe und den neuen, vollen Plastikbeutel herausziehe. Erst heute Morgen habe ich ihn eingeschoben. Hat er mich dabei beobachtet?
Reiß' dich zusammen, Valentin.
Ich öffne den Beutel und schiebe mir zur Bekräftigung meiner Aussage zwei von den kleinen, runden Pillen in den Mund.

Ich weiß nicht, welcher Teil von mir gerade die Kontrolle übernommen hat, aber er kann sich später auf Ärger gefasst machen. Wo sind meine jahrelang antrainierten Schauspielfähigkeiten hin? Warum macht ein einziger Blick von ihm so nervös?
“Wollen Sie auch mal?”, frage ich und halte ihm den Beutel hin.
Zu wenig schuldbewusst. Du hast die Firma bestohlen, entschuldige dich wenigstens!
“Ich meine, tut mir leid, dass ich gestohlen habe. Aber sie kosten ja nun wirklich nicht viel, oder? Ich hätte auch bezahlt, aber der Chef hätte mir wegen der Geheimhaltung nie erlaubt, welche mitzunehmen und man fühlt sich einfach so viel besser, wenn man sie gegessen hat...”
Warte mal. Oh. Die Geheimhaltung. Er hält mich für einen Wirtschaftsspion. Er glaubt, dass ich die Tabletten für die Konkurrenz stehle, damit diese herausfinden kann, wie wir sie herstellen. Die anderen Farmen waren tatsächlich schon immer etwas neidisch auf unsere billigen und sehr wirksamen Nahrungs- und Schlaftabletten. Wir zahlen jährlich nur die Hälfte der durchschnittlichen Ausgaben für die Tabletten-Herstellung. Das weiß ich, weil ich erst vor Kurzem die Ergebnisse einer Studie darüber auswerten musste.
Obwohl, wenn er mich für einen Spion halten würde, hätte er dann nicht längst dem Chef davon erzählt? Stattdessen hat er mich hier in eine Speißekabine gezerrt, um mich in Ruhe befragen zu können. Im Schutz der schalldichten Wände, die eventuellen Lauschern die Arbeit deutlich erschweren würden.
Er vertraut mir. Diese Erkenntnis trifft mich wie ein Schlag.
Marcus ist ein sehr misstrauischer Mensch. Wenn er mich als vertrauenswürdig eingestuft hat und sich das selbst angesichts Tabletten-Diebstahls nicht ändert...
Kann ich dann das Risiko eingehen? Kann ich ihm die Wahrheit erzählen?

In diesem Fall ist die Wahrheit nicht viel gefährlicher, als jede Lüge. Das sehe ich an seinem berechnenden Blick.
Ein einfacher Wirtschaftsspion ist zwar lange nicht so schlimm, wie ein Rebell oder ein Menschenschützer. Aber er würde es als Verrat an ihm persönlich sehen, wenn ich all die Jahre hinter seinem Rücken Informationen weitergeleitet hätte. Damit hätte ich nämlich den von ihm hart erarbeiteten Vorsprung der Farm zerstört. Ihm Steine zwischen die Füße gelegt. Und das, obwohl er mir auch noch sein Vertrauen geschenkt hat.
Ich muss es ihm sagen. Wenigstens einen Teil der Wahrheit.
Leise seufzend sehe ich ihm in die zusammengekniffenen Augen.
Wahrscheinlich sitze ich morgen im Gefängnis.
“Ich stehle die Tabletten, weil ich mich von ihnen ernähre, Marcus.”
Ich kann seinem Blick nicht länger standhalten und sehe doch wieder zu Boden.
“Und ich ernähre mich von Tabletten, weil ich keine Menschen essen will.”

Schweigen. Etwas Anderes hätte ich aber auch nicht erwartet.
Ich wünschte, ich könnte ihm wieder ins Gesicht blicken, um seine Reaktion zu sehen. Aber ich traue mich nicht. Außerdem würde ich sowieso nicht viel von seinen Gefühlen ablesen können.
“Sie sind Menschenschützer?”
Er klingt nicht besonders überrascht. Wahrscheinlich hat er so etwas Ähnliches geahnt. Befürchtet.
Befürchtet, weil er Angst um mich hat? Oder weil er mich verraten muss?
Ich nicke.
“Gehören Sie einer Organisation an?”
Ich schüttele schnell den Kopf. "Nein."
Er sagt nichts, doch ich erkenne an seinem zweifelnden Gesichtsausdruck, dass er mir nicht glaubt.
Solange er mich nicht nach Namen fragt...
“Und Sie schaffen es, ganz ohne menschliches Fleisch auszukommen?”
“Ja.”
“Was ist mit dem Hunger?”
Das kann ich ihm nicht alles hier sagen. Auch wenn es unwahrscheinlich ist, könnte uns jemand belauschen. Und das Mädchen steht auch noch dort an der Wand.
“Wenn Sie morgen nach der Arbeit zu mir kommen, kann ich es Ihnen erklären.”
Er überlegt zwei geschlagene Minuten ohne eine einzige Regung zu zeigen, bevor er etwas sagt.
Ich verlagere mein Gewicht auf mein anderes Bein und gebe mir Mühe, nicht auf der Unterlippe zu kauen.
“Gut.”

Ich kann es kaum fassen. Er will sich meine Erklärung anhören.
Vielleicht kann ich Marcus sogar überzeugen, sich uns anzuschließen. Wir könnten ihn brauchen.
Oder aber er hat nur zugestimmt, damit er mehr über mich in Erfahrung bringen kann, bevor er mich den Ordnungshütern meldet.
“Sie werden Niemandem davon erzählen, oder?”, frage ich nervös.
“Vorerst nicht”, antwortet er.

25.6.15 15:49

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